Karbow in
der Zeit
von 1800 bis 1945
Der Wiener Kongress 1815, der die Kriege gegen den französischen Kaiser Napoleon beendete, wies Schwedisch Vorpommern Preußen zu, das für dieses Gebiet einen eigenständigen Regierungsbezirk mit Sitz der Regierung in Stralsund bildete. Auf dem Kongress war festgelegt worden, dass das abgetreten Land seine alte Verfassung behalten solle.
Die preußische Regierung ging viel energischer als das vorige Regime daran, die wirtschaftliche Kultur des Landes zu stärken. Dazu gehörte auch der Straßenbau. Die 1833-1836 neu gebaute Landstraße von Greifswald nach Anklam und die von Möckow nach Wolgast umgingen die Dörfer. Karbow lag nun ganz abseits. Schon vorher hatte sich der Weg von Greifswald nach Wolgast über Boltenhagen zu der wichtigeren Verbindung entwickelt, auf der auch die schwedische Post verkehrte.
Nach dem Tode ihres Mannes war bis 1834 Hintz´s Witwe, M. M. Hintz, geborene Gaetke, Eigentümerin von Karbow. Sie ließ nach der Aufhebung des Lehnrechts in schwedisch Pommern 1815 in einem gerichtlichen Verfahren beim Hofgericht in Greifswald den Charakter des Gutes als Freigut (Allod) klären.
1835 ging Karbow auf die mit Hintz verwandte Familie Plath über, der bereits das Gut Lentschow nördlich von Anklam gehört hatte. Von den vier Brüdern Plath war zuerst der 1799 geborene Gustav Adolph Plath Wirtschaftsführer in Karbow. Er starb dort 1827. Sein ein Jahr jüngerer Bruder Ernst, der bis dahin in Lentschow gewirtschaftet hatte, kam nun nach Karbow und der Bruder Ludwig Wilhelm übernahmen Lentschow. Ein weiterer Bruder mit Namen Carl war in Zeitlow nordöstlich von Demmin.
Ernst Plath bewirtschaftete Karbow als Eigentümer bis 1880. Durch tüchtiges Wirtschaften, durch Gutherzigkeit, Großzügigkeit, Gastfreundschaft, insbesondere aber auch durch ein exzentrisches Wesen wurde Ernst Plath seinerzeit „im westlichen Pommerlande weit herum bekannt“ als Persönlichkeit, „dessen unvergleichliche Mannesart es zustande brachte, dass das Stückchen Erde, welches zu verwalten das Schicksal in seine Obhut gab, zu einem Paradies wurde für alle, die immer nur zu ihm in nähere Beziehung traten, für seine Familie, für die Dorfbewohner, für die Gutsarbeiter, für die Notleidenden, für die Witwen und Waisen, für die vielen Gäste und nicht zuletzt für die damals heranwachsende Generation, für die Kinder“; so heißt es in dem 1934 in Greifswald erschienenen Buch von Ernst Collrepp „Der tolle Plath“. „Das Rittergut Karbow liegt etwas abseits vom Weltgetriebe. Um Karbow berühmt zu machen, dazu gehört schon das Genie eines Ernst Plath“ (S. 20). „Von .. vornehmer Selbstverständlichkeit im Wesen und von vornehmer Erscheinung müssen wir uns .. (Ernst) Plath .. vorstellen“ (S. 43)
Unter den vielen Anekdoten über Plath sei als Beispiel diese wiedergegeben (S. 20): „Nach all den vielen Reh- und Entenbraten, die den Karbow´schen Mittagstisch zierten, wurde der Fischhändler Wichert aus Wolgast in Karbow immer als hochwillkommen begrüßt, wenn er sein Pferdchen auf den Gutshof lenkte und in seinem Wägelchen die kostbaren Aale und Heringe, frisch und geräuchert, Steinbutte und Hechte und Barsche zum Kauf anbot. Aber Herr Wichert kam mit seinen Herrlichkeiten immer, wenn die Tischzeit gerade vorüber war. Herr Wichert sagte, der Weg von Wolgast sei lang und sein Pferdchen sei nur schwach. Herr Plath sagte, Herr Wichert müsse das Tier besser füttern.
Im Herrenhause war gerade die Mittagstafel beendet - Huhn mit Reis – und Herr Plath war in den Pferdestall gegangen. Da erschien Herr Wichert mit seinem Gefährt und pries mit lauter Stimme Steinbutten an.
Das Huhn bei Herrn Plaths Mahlzeit war leider etwas zäh geblieben, und Steinbutte waren sein Lieblingsessen. Das beschleunigte des Schicksals Lauf: Aus dem Pferdestall peitschte plötzlich der Knall eines Schusses. Das Pferd warf die Nase in die Luft, knickte in die Knie, fiel um und zappelte noch ein bisschen. – Aus.
„So, Wichert, nun kommen Sie einmal mit in den Stall“, trat Herr Plath zu dem Lamentierenden, „hier, diesen Braunen kriegen Sie für Ihren elenden Klepper; den schenke ich Ihnen. Aber dass der Braune nicht mager wird. Und dass Sie zwei Stunden vor der Mittagszeit hier in Karbow eintreffen. Verstanden? Und noch eins. Ich kann nicht dafür einstehen, dass immer nur das Pferd getroffen wird.“
Plath hatte, bevor er sich 1843 verheirate, mit dem Dienstmädchen Emilie Thurow drei uneheliche Kinder, die er adoptierte. Aus der Ehe mit der neunzehnjährigen Julie Berendt, der Tochter eines Wolgaster Schiffskapitäns, gingen neun Kinder hervor, von denen aber mehrere schon wenige Jahre nach der Geburt starben.
Plath war ein eifriger Jäger. „Daß wir uns .. Plath eigentlich immer in Begleitung seines Jagdgewehrs zu denken haben, wie er auch immer einen grünen Jägerrock trug“, heißt es in dem Buch (S. 84).
Die Kinder aus Karbow gingen bis 1839 in Hanshagen, dem Kirchort, zur Schule. Plath als Gutsbesitzer schloss sich in diesem Jahr dem Schulverband in Gladrow an, wo seit 1748 eine Schule bestand. Vor den anderen Schulen Hanshagen und Kessin des Pfarrbezirks Hanshagen hatte Gladrow bereits 1834 das wöchentliche Schulgeld abgeschafft. Der Gutsbesitzer und die Bewohner von Karbow zahlten jährliche Beiträge für die Schule, der Gutsbesitzer lieferte auch Holz.
Ernst Plath starb 1880, 79 Jahre alt. Die Teilnahme an der Beerdigung war unendlich groß. Der Friedhof in Hanshagen vermochte die Menge nicht zu fassen.
Das Gut wurde bald nach Ernst Plaths Tod verkauft. Erwerber war Karl Graf von Behr auf Behrenhoff, der 1883 als Eigentümer von Karbow genannt wird. Ihm gehörten außer Behrenhoff auch die Rittergüter Dargezin, Fritzow, Kammin und der Nebenhof II in Dargelin.
1914, vor Beginn des Ersten Weltkriegs, verkaufte Graf Behr das Gut an Max Klettner in Geilenfelde, Kreis Friedeberg, Regierungsbezirk Frankfurt a. d. Oder. Er ist bis 1920 als Eigentümer vermerkt, 1921 Hans Lukaschek aus Tarnowitz in Oberschlesien, das nach dem Ersten Weltkrieg an Polen gefallen war. Lukaschek war Besitzer großer Industriebetriebe, die er geerbt hatte. Ihm standen für seine Lebensführung praktisch unbeschränkte Mittel zur Verfügung - "die haben zwohundertfuffzigtausend jährlich zu verleben", erinnerte sich ein Freund. Er wird als verfeinert, gescheit, hochgebildet und kunstsinnig geschildert.
Lukascheks Frau, Tochter eines Forstmeisters, fiel durch ihre Schönheit auf.
Karbow war für Lukaschek in erster Linie als Jagdrevier von Interesse. Es „herrschte hier ein recht netter und allzeit fröhlicher Jagdbetrieb. Viele Jagdgäste waren fast dauernd hier“, berichtete sein Förster. Lukaschek war mit Ernst Udet befreundet, der im Ersten Weltkrieg als Jagdflieger bekannt geworden war und nach 1938 Generalluftzeugmeister wurde. Auch er war ein passionierter Jäger. Er landete bei seinen Besuchen mit dem Flugzeug in Karbow auf der Stein- oder Niederkoppel. Anlässlich der Internationalen Jagdausstellung in Berlin im November 1937 besuchte eine östereichische Delegation, begleitet von Udet, das Karbower Revier.
Lukaschek stellte Anfang der zwanziger Jahre den landwirtschaftlichen Betrieb ein und ließ den größten Teil des Ackerlandes um den Hof mit Fichten aufforsten. An Vieh wurden nur noch Pferde, Trakehner, gehalten. Auf den entfernteren Weiden wurde im Sommer Rindvieh in Pension genommen. Die Landwirtschaftskammer in Stettin richtete den Forstbetrieb 1929 neu ein.
Lukaschek gab dem Wohnhaus in Karbow einen besonders eindrucksvollen Rahmen, indem er zu beiden Seiten im Halbkreis zu der Parkwiese hin je eine 12 m lange Mauer mit je acht davor gestellten Säulen anfügte. Zwischen den in Doppelstellung stehenden, mit Bögen verbundenen Säulen waren je drei Figuren aufgestellt. Die Innenräume waren mit „in vielen Jahren mit Sachverstand und Liebe zusammengetragenen Kunstschätzen“ ausgestattet.
Nach der Aufforstung des größten Teils der Ackerflächen wurden die Wirtschaftsgebäude in dem bisherigen Umfang nicht mehr gebraucht. Bis dahin war der gepflasterte Hof, der nach Süden durch eine gemauerte Mauer aus Feldsteinen mit Einfahrt in der Mitte abgegrenzt war, im Osten und Westen je durch ein großes, reetgedecktes Wirtschaftsgebäude abgeschlossen. An das westliche Wirtschaftsgebäude schloss sich an der nord-westlichen Ecke ungefähr im rechten Winkel der reetgedeckte Pferdestall an. Das östliche, große Wirtschaftsgebäude, das bis dahin die Ställe enthalten hatte, wurde nun abgerissen. In dem Betriebsplan von 1929 ist es nicht mehr eingezeichnet.
Lukaschek, der nach der Abtretung von Oberschlesien polnischer Staatsangehöriger geworden war, ging zu Anfang des Zweiten Weltkriegs in die Schweiz. Seine Frau verheiratete sich als Witwe und neue Eigentümerin von Karbow noch während des Krieges, wohl um 1940, in zweiter Ehe mit dem 1900 geborenen Heinz-Helmuth Ahlemann, der gleichfalls sehr vermögend und auch schon einmal verheiratet war. Ahlemanns Vater war seit 1924 Mitglied des Reichstags gewesen.
Im Kriege arbeiteten Kriegsgefangene aus Frankreich und Belgien auf dem Hof. Frau Ahlemann soll zu ihnen ein gutes Verhältnis gehabt haben.
Noch vor dem Einmarsch der russischen Armee flüchtete Frau Ahlemann mit den Kindern ihres Mannes aus erster Ehe nach Westdeutschland. Einer oder mehrere der Kriegsgefangenen begleiteten sie. Als der Hof im September 1945 enteignet wurde, war er schon verwaist.