Transmetropolitan Artikel aus SPLASH! 2/1999
Auf dem letztjährigen Comic Salon in Erlangen hieß es auf einer Podiumsdiskussion zum deutschen Heftmarkt noch, daß dieser nicht bereit sei für eine Serie wie Transmetropolitan. Kaum ein Jahr später erscheint nun Transmetropolitan in deutscher Übersetzung bei Speed und es ist zu hoffen, daß sich genügend Leser für eine der interessantesten und besten amerikanischen Serien der letzten Jahre finden.
Wie von Speed zu erwarten handelt es sich nicht um einen Superheldencomic, am ehesten sind gewisse Vergleiche mit Preacher, ebenfalls bei Speed veröffentlicht, möglich, aber Transmetropolitan ist eine sehr eigenständige Serie. Es ist eine der, erstaunlicherweise, recht wenigen in den USA erscheinenden Science Fiction Comics, kann aber kaum einer der Kategorien dieses Genres zugeteilt werden. Zum Start der Serie in den USA erreichte Transmetropolitan nur recht bescheidene Verkaufszahlen, für den amerikanischen Markt recht untypisch steigerte sich aber die Leserschaft von Monat zu Monat kontinuierlich auf ein erfolgreiches Niveau. Inzwischen erscheint der Comic des englischen Autors Warren Ellis und des amerikanischen Zeichners Darick Robertson auch in norwegisch, französisch, italienisch und demnächst auch in spanisch.
Hauptdarsteller ist die Stadt selber, Nahe gebracht wird sie dem Leser durch die Erlebnisse und die Artikel des Journalisten Spider Jerusalem. Im ersten Heft kehrt dieser gezwungenermaßen aus seinem selbstgewählten Exil der Berge in die Stadt zurück, nicht ohne auf dem Weg seine Stammkneipe, halt die einzige Bar in der Gegend, in die Luft zu jagen. "Wenn es mir dreckig geht, geht es allen dreckig"
Und was für eine Stadt wird uns da vorgeführt. Diese Multi-Kulti Gesellschaft würde Stoiber in den Wahnsinn treiben, es gibt jede Kultur der heutigen Welt. Und dazu gibt es noch jede Menge neues Leben. Wie die Transienten: Menschen, die sich außerirdische Gene einpflanzen lassen, mit dem Ziel die Spezies zu wechseln. Deren Situation als Außenseiter in der Stadt liefert die Handlung der ersten beiden Hefte. Andere wiederum lassen sich in eine Art intelligenten Nebel verwandeln. Sprechende Tiere bevölkern die Stadt und arbeiten in ihr, der Begriff des Polizeihundes wird in Ausgabe 5 eine völlig neue Bedeutung bekommen. Die Welt ist so anders, daß in unserer Zeit eingefrorene Menschen, die in dieser Zukunft netterweise wieder aufgetaut werden, mit ihrem neuen Leben nur schwerlich zu Rande kommen. Werbeschilder wie "Geklontes Menschenfleisch zu Preisen, die sie mögen werden" oder "Ebola Cola: Du trinkst es, es frißt dich" über den Köpfen von vorbeilaufenden Transienten müssen erst einmal verkraftet werden. Die Stadt ist aber weder ein düsteres, verregnetes Höllenloch wie man sie sonst aus Science Fiction à la Blade Runner kennt, noch ist sie sauber wie die Städte in Star Trek, die Stadt in Transmetropolitan ist bunt und lebendig.
Der eigentlich Star des Comics ist aber der eigenwillige Journalist Spider Jerusalem, obwohl einige Leser sicherlich seine zweiköpfige Katze mehr ins Herz schließen werden. Getreu dem Motto "Journalismus ist eine Waffe. Wenn man richtig zielt, kann man der Welt eine Kniescheibe wegballern." versucht er durch seine Zeitungskolumnen die etwas apathischen Bewohner der Stadt auf das Leben in dieser aufmerksam zu machen. Für eine gute Geschichte legt er sich auch gerne mit dem von ihm so gehaßten Präsidenten an. Seine Kolumnen mit den Titel "Ich hasse diese Stadt" machen ihn schnell wieder zu einer Medienberühmtheit, Spider könnte sich nicht viel schlimmeres vorstellen. Aber er ist zu Hause hier, er liebt den Asphalt unter seinen Füßen.
Ein ähnliches Liebesverhältnis zur Stadt hat auch Autor Warren Ellis, der von sich sagt "Steckt mich aufs Land und ich finde eine Straße um die Abgase zu inhalieren." Mehr von ihm erfährt man im Interview.
Der Transmetropolitan-Zeichner Darick Robertson ist bei seinen bisherigen Arbeiten im Superheldenbereich nicht besonders aufgefallen, solider Durchschnit. Für Transmetropolitan hat er aber mehr als einen Gang höher gelegt. Die Detailfreude in den Zeichnungen ist äußergewöhnlich, in den wenigsten amerikanischen Comics findet man soviel Witz, Energie und offensichtliche Freude an der Arbeit in den Zeichnungen. Es macht jede Menge Spaß beim zweiten Lesen genauer auf die Werbung, die Leute und die Gebäude in den Straßen zu achten. Robertson bringt die Stadt für uns zum Leben.
Alles in allem ist Transmetropolitan eine sehr empfehlenswerte Reise in eine Zukunft.
Comicbibliographie-Auswahl:
Darick Robertson
auf deutsch
Spiderman 13
JLA Sonderband 1
Superman Special 4
Superman 32
in den USA (Auszug)
Justice League Europe (DC)
Spiderman, New Warriors (beide Marvel)
diverse Comics bei Malibu
Webseite:
Warren Ellis
auf deutsch
WildCATS/X-Men 4
Thor: Weltmaschine
in den USA (Auszug)
Doom 2099, Hellstorm,
Excalibur, Wolverine (alle Marvel)
Hellblazer, Planetary, Authority (alle DC)
Stormwatch, DV8 (Image)
Webseite: www.warrenellis.com
Auszeichnungen für Transmetropolitan:
Squiddies Internet Comics Award 1997
Best New Comic für Transmetropolitan
und Best Character für Spider Jerusalem
British National Comics Award for Best New Comic International 1998
International Horror Guild Award for best Graphic Novel 1998