Titel: Geteilter Traum
Autor: Daniel Bosshart
Verlag: Edition Moderne
Preis: 35,- DM
Bis vor wenigen Tagen habe ich von diesem wunderbaren Comic nur gewusst, dass er einer der nominierten Titel für den diesjährigen Max-und-Moritz-Preis war. Auf dem Comic-Salon in Erlangen habe ich ihn beim rumschauen mal angeschaut, sah halbwegs nett aus, die Zeichnungen fand ich allerdings auf den ersten Blick nicht sonderlich spektakulär.
Später sah ich dann den Autor und Zeichner Daniel Bosshart am Stand der Edition Moderne signieren, hab ein wenig zugeschaut, den Band nochmal in die Hand genommen, das Fehlen der Sprechblasen bemerkt und gesehen, dass Bosshart Strich an Strich in die kleine Zeichnung setzte, die er gerade anfertigte. "Sowas will ich auch" könnten meine Gedanken gewesen sein, jedenfalls habe ich mir dann den Comic gekauft und mir dann eine Zeichnung auf meinem Zeichenblock erbeten.
Und wieder setzte Bosshart Linie an Linie in seine Zeichnung, auf Nachfrage gab er auch gerne zu, dass er diese Detailarbeit liebt. Den Comic sollte er eigentlich nur signieren, aber da er anscheinend nicht genug bekommen kann, und gerade keine Schlange hinter mir war, zeichnete er auch in das Album noch ein kleines Werk hinein. Nett.
Als am Sonnabend dann dieser Comic den Max-und-Moritz-Preis 2000 für die beste deutschsprachige Comic-Eigenproduktion bekam, überraschte mich dann doch, ich hatte ja bisher immer noch keinen genauen Blick in den Comic geworfen. Was ich inzwischen nachgeholt habe und der Jury voll und ganz zustimmen muss. Einer Meisterwerk der Comickultur hat Bosshart mit dem geteilten Traum geschaffen.
Ohne Worte erzählt er uns die Geschichte von, ja wem eigentlich, wir sehen einen etwas älteren Mann, der mit zwei anscheinend ähnlich alten Jungen lebt, Vater mit zwei Söhnen ist sicherlich die naheliegendste Vermutung, klar wird es aber nie. In einigen Episoden im Abstand von mehreren Jahren sehen wir die Entwicklung der beiden Jungen, zwei stark unterschiedliche Charaktere. Der eine sehr ruhig und still, verändert sein Aussehen, und das seines Zimmers, über die Jahre nur wenig. Der Andere ist mehr unterwegs, macht die Moden mit, und verändert sein Zimmer entsprechend oft. Beide haben ihre Träume, die in wunderschönen Bildern dargestellt werden, auf den ersten Blick recht verschiedene, beim genaueren Verstehen aber doch ähnlich. Und obwohl sie offentsichtlich unterschiedliche Charaktere sind, stehen die beiden sich doch sehr Nahe, was aber erst zum Schluß richtig deutlich wird.
Eine wunderbare Geschichte in mit jedem Hinsehen mehr wirkenden Bildern mit immensen Detailreichtum. Der Zeichner muss es wohl wirklich lieben tausend kleine Striche zu setzen. Bei jedem Lesen dürften noch mehr nette Details zu entdecken sein. Das witzige Spiel mit den immer anders gestaltenen oder in den Zeichnungen halb versteckten Seitennummern habe ich z.B. auch erst kurz vor Schluss der 60-seitigen Geschichte entdeckt und musste alle Seiten nochmal durchgehen. Toll sind auch die Passagen die die Zeit zwischen den Episoden überbrücken, wir sehen jeweils Porträts der drei Personen aus einer Zeit nebeneinander, mehrere dieser Zeilen stehen dann übereinander und zeigen den Fluss der Zeit. Mit diesen einfachen Bildern erfahren wir immens viel über die Charaktere.
Ein grandioser Comic, der zwar nicht auf den ersten Blick auffällt, dafür beim genaueren Hinsehen umso mehr fasziniert. Kaufen, lesen und geniessen.
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